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P. \u2012 Vienna Movement Art Programmes unter der k\u00fcnstlerischen Leitung des Choreografen und T\u00e4nzers Georg Blaschke, f\u00fcr die ich zwischen Dezember 2014 bis Dezember 2015 verantwortlich zeichnete, gestaltete sich in Hinblick auf eine Reihe von Aspekten als herausragend und lehrreich: Ausgehend von der Fragestellung, inwieweit sich die rein schriftliche Dokumentation eines Research- und Choreografie-Prozesses zu einem gegebenen Material \u2012 in diesem Falle: Hiernoymus Boschs Weltgerichtstriptychon (1485\u20121505) \u2012 als Wort\/Sprache\/Schrift zu anderen Formen der projektbegleitenden Dokumentation, etwa Video, Respondenz oder (undokumentiertes) Gespr\u00e4ch verh\u00e4lt, wurde schon rasch klar, dass eine dokumentarische Begleitung dieser Art zugleich neue M\u00f6glichkeiten des k\u00fcnstlerischen Prozesses er\u00f6ffnet wie auch Grenzen in sich birgt, denen man sich relativ rasch bewusst wurde und die in der Folge auch Teil dieser Begleitprozesses werden sollten\/mussten. Dazu z\u00e4hlten u. a. Fragen nach der eigenen Sprache und nach der eigenen Geschwindigkeit oder der Aspekt der Weiterarbeit \u00fcber den eigentlichen Prozess hinaus (Lesen, Sehen, Sprechen &#8230;).<\/p>\n<ol>\n<li><strong> Sprache<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Einer der wesentlichsten Aspekte war f\u00fcr mich von Beginn an die Frage der Methode und Form der Formulierung meiner Beobachtungen. Was sollte ich in welcher Form, d. h. in welcher syntaktischen, schriftsprachlichen Form ebenso wie in welcher Form einer &#8220;k\u00fcnstlerischen&#8221;, dem Projekt ad\u00e4quaten &#8220;Sprache&#8221; als Schrift festhalten? Die ersten Probentage, die in den von Elio Gervasi zur Verf\u00fcgung gestellten Prober\u00e4umen (Raum 33) stattfanden, waren f\u00fcr mich ein erstes In-den-Prozess-Einsteigen, und das hie\u00df f\u00fcr mich auch: einen pers\u00f6nlichen Einstieg finden in den Beobachtungs-, Schreib- und (virtuellen wie realen) Sprech-Prozess. Fragen er\u00f6ffneten sich etwa danach, wie ich das, was ich auf der Probe sah, in Worte fassen w\u00fcrde: ganz S\u00e4tze oder syntaktische Teile; &#8220;O-T\u00f6ne&#8221; der Beteiligten &#8220;\u00fcber&#8221; den Prozess oder nur das von mir Beobachtete; Benennung der Objekte bzw. dessen, was aus den Objekten im Zuge des Prozesses, also des Zerlegens, neu Montierens und erneuten Aufl\u00f6sens &#8220;entstand&#8221;.<\/p>\n<p>Relikt oder Zitat?<\/p>\n<p>Ein weiterer Punkt war die Frage, ob ich in meiner eigenen &#8220;Begrifflichkeit&#8221; bleiben sollte, d. h. das, was ich sah, auch in der Weise sprachlich beschreiben sollte, oder vielmehr versuchen sollte, die Begriffe des Choreografen beziehungsweise der PerformerInnen aufzunehmen. Ich entschied mich im Wesentlichen daf\u00fcr, meine eigenen Begriffe f\u00fcr die Laufzeit des Prozesses beizubehalten, wobei ich dennoch versuchte, etwa durch die Dokumentation von Gespr\u00e4chen und Feedback-Sessions, die Zugangsweise der beteiligten K\u00fcnstlerInnen punktuell in meine Dokumentation einflie\u00dfen zu lassen.<\/p>\n<p>Georg Blaschke spricht NICHT H\u00d6RBAR mit Georg Blaschke<\/p>\n<p>Dies gestaltete sich insbesondere f\u00fcr die Begleitung von Projektphasen zum Solo The Bosch Experience III als schwieriger, da es sich hier um ein Solo von Georg Blaschke handelte, d. h. der choreografierende (sprechende) und der tanzende K\u00fcnstler eine Person waren, d. h. der Diskurs zwischen den &#8220;beiden&#8221; in eine Person fiel und somit f\u00fcr mich tats\u00e4chlich kein &#8220;h\u00f6rbarer&#8221; Diskurs der beiden Ebenen Choreografie und Tanz vorhanden war. Die Dokumentation dieses Teil-Prozesses innerhalb des Jahresprojekts war f\u00fcr mich insofern zugleich eine der spannendsten Phasen wie auch einer der herausforderndsten Momente, der f\u00fcr mich die Grenzen einer m\u00f6glichen schriftlichen, d. h. in Schriftsprache gebrachten Dokumentation noch einmal neu deutlich machte.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong> Geschwindigkeit<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Einer der zugleich spannendsten wie zeitweise schmerzhaftesten Erfahrungen war die Erkenntnis, dass das Medium Schrift resp. das eigene Schreiben \u2012 mein Schreiben \u2012 einer Reihe von physischen wie kognitiven Grenzen ausgesetzt ist. Zum einen ist dies die Frage der Geschwindigkeit, in der ich rein physisch einen k\u00fcnstlerischen Prozess wie den gegebenen als Schrift (am PC) dokumentieren kann. Hier wurde mir im Laufe des Projekts klar, dass umso &#8220;weiter&#8221; ein k\u00fcnstlerischer Prozess ist, d. h. umso &#8220;fertiger&#8221; eine choreografische Arbeit, eine \u00e4sthetische Setzung in einem konkreten Raum ist, umso unm\u00f6glich die &#8220;ad\u00e4quate&#8221; Begleitung durch ein paralleles Schreiben wird. Die Choreografie ist schlichtweg &#8220;schneller&#8221; als das Auge bzw. die H\u00e4nde des schriftlichen dokumentierenden Menschen. Dies ist in meinen Augen ein gro\u00dfer Unterschied etwa zum Medium Film\/Video, dessen M\u00f6glichkeiten sich quasi dem Geschehenden, d. h. auch dem zu Sehenden &#8220;anpassen&#8221;: Egal was passiert, &#8220;alles&#8221; wird vom &#8220;Standpunkt&#8221; des Videos\/der Kamera im Medium Film\/Video aufgezeichnet. Der\/Die schreibende Dokumentationsperson \u00e4hnelt dem Medium Film\/Video insofern, als auch sie\/er von nur einer Perspektive aus das Geschehen beobachtet und medial dokumentiert (d. h. auch: mehrere Kameras aus unterschiedlichen Positionen w\u00fcrden mehreren schreibenden beobachtenden Personen entsprechen). Es unterscheidet sich aber existenziell darin, wie viel dokumentiert werden kann. So erweist sich nicht nur die M\u00f6glichkeit, &#8220;alles&#8221; zu dokumentieren von Beginn an als unm\u00f6glich. Auch wird klar, dass, wie oben bereits erw\u00e4hnt, umso &#8220;fertiger&#8221; ein Prozess (in Hinblick auf dessen Ende, auf die &#8220;Performance&#8221;\/Vorstellung) ist, umso &#8220;perfekter&#8221; eine Choreografie wird, umso unm\u00f6glicher deren Dokumentation durch Auge-Hand-Schrift-Medium wird.<\/p>\n<p>Ebenso wurde deutlich, dass das Moment der M\u00fcdigkeit an Bedeutung zunimmt: Umso l\u00e4nger ein Probenprozess dauerte, etwa durch die Wiederholung (Durchlauf) einzelner Sequenzen oder gegen Ende hin ganzer choreografischer Abl\u00e4ufe, umso schwieriger wurde der Dokumentationsvorgang f\u00fcr mich, da auch hier ein rein physische Beschr\u00e4nkungen auftraten, die in dieser Form selten bis nie thematisiert oder\/und im Kontext k\u00fcnstlerischer Arbeitsprozesse dokumentiert werden (Grenzen von Augen, Ohren, H\u00e4nden).<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong> Erweiterte Diskursebenen<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Als einen letzten wichtigen Punkt m\u00f6chte ich die Frage der erweiterten Diskursebenen ansprechen, die sich f\u00fcr mich im Laufe der Arbeit dieses Jahres ergaben: Dazu z\u00e4hle ich unter anderem den Besuch der Gem\u00e4ldegalerie der Akademie der bildenden K\u00fcnste zu Beginn des Projekts und als Teil meiner Arbeit, um mir Boschs Weltgerichtstriptychon im Original anzusehen, die Erfahrungen der Au\u00dfenproben in Ober\u00f6sterreich im Kontext der Zusammenarbeit mit der Salzburger Gruppe lawine torr\u00e8n im J\u00e4nner 2015 oder die Lekt\u00fcre theoretischer und philosophischer Texte, die \u00fcber den reinen Beobachtungs- und Schreibprozess hinausgingen. Inwieweit beeinflussen sie die schriftlichen Beobachtungen und ver\u00e4ndern etwa Begriffe oder Verst\u00e4ndnis- und Wahrnehmungszusammenh\u00e4nge? Dieser Punkt war f\u00fcr mich insbesondere f\u00fcr die Begleitung der Soloarbeit von gro\u00dfer Wichtigkeit, da hier die Auseinandersetzung mit diesen erweiterten Formen der Projektbegleitung eine Art weitere Diskurs-Ebene er\u00f6ffneten, die wir durch die nicht sprachliche Kommunikation zwischen Choreograf\/T\u00e4nzer und mir, etwa w\u00e4hrend der Probenwoche in Pinkafeld\/Dance.ID, bewusst ausschlossen. In einer Reihe von F\u00e4llen habe ich versucht, w\u00e4hrend des Schreibens, d. h. im Moment der Beobachtung der Proben, diese Ebenen mit einzubauen, also zugleich das (auf der Probe-\/B\u00fchne) Beobachtete zu dokumentieren und das vorab oder versuchsweise sogar parallel zu Lesende im Schreiben mit zu dokumentieren und damit direkt zu kontextualisieren.<\/p>\n<p>Neben diesen drei genannten Aspekten tauchten im Zuge des einj\u00e4hrigen Prozesses immer wieder neue Fragen auf, die die Arbeit zugleich um neue Themen erweiterten wie auch &#8220;hemmten&#8221; und problematisierten. etwa die Frage, was passiert, wenn ein Performer aus einem Projekt aussteigt und ein anderer dessen Arbeit (&#8220;Part&#8221;) quasi \u00fcbernimmt und fortsetzt, zugleich aber v\u00f6llig andere Methoden der Formulierung (k\u00f6rperlich, sprachlich) in den Prozess einbringt. Oder die Frage, inwieweit im Laufe der Dokumentation die eigene schriftlich festgehaltene Beobachtung sich zu einer sehr pers\u00f6nlichen Haltung, Meinung, ja \u00e4sthetischen &#8220;Beurteilung&#8221; ver\u00e4ndert, z. B. im Verh\u00e4ltnis zu Musik, Sound oder Kost\u00fcm \u2012 soll, darf man &#8220;beurteilen&#8221;? Wie unterscheiden sich Dokumentation und Urteil? Geschieht diese Ver\u00e4nderung schleichend im Laufe der Zeit, weil sich ein &#8220;Naheverh\u00e4ltnis&#8221; zwischen Gesehenem und Dokumentierenden, und das hei\u00dft auch: zwischen K\u00fcnstlerInnen und Dokumentator\/in entwickelt? Ist dokumentarisches Schreiben \u00fcberhaupt ohne &#8220;Urteil&#8221; m\u00f6glich, und ist dies etwa ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zur Dokumentation als Video? (Wer &#8220;urteilt&#8221; im Video?)<\/p>\n<p>Sind Langsamkeit, M\u00fcdigkeit, Ersch\u00f6pfung, aber auch pers\u00f6nliche Haltungen ein &#8220;Handicap&#8221; oder als eigene Qualit\u00e4ten in einem solchen Prozess zu werten?<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich f\u00fcr mich aus dieser einj\u00e4hrigen k\u00fcnstlerisch-theoretischen Zusammenarbeit festhalten, dass die Fragestellungen sich f\u00fcr mich im Laufe der Zeit wesentlich erweitert haben, dass die Arbeit zugleich komplexer wie schwieriger wurde, insofern als ich die je neuen Themen, Aspekte, Probleme u. a. immer auch in den folgenden Schreibprozess aufzunehmen versucht habe, und dass der Prozess in seiner F\u00fclle eine Reihe von Fragestellungen und Diskursfeldern er\u00f6ffnet hat, denen ich mir zu Beginn des Prozesses nicht bewusst gewesen war.<\/p>\n<p>So &#8220;begrenzt&#8221; ich letzten Endes meine pers\u00f6nlichen M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Dokumentation eines derart komplexen k\u00fcnstlerisch-choreografischen Prozesses kritisch formulieren w\u00fcrde, so spannend und au\u00dfergew\u00f6hnlich erkenne ich die durch einen Prozess wie diesen er\u00f6ffneten neuen Fragestellungen f\u00fcr eine zukunftweisende und innovative Form k\u00fcnstlerischer Arbeitsprozesse zwischen unterschiedlichen \u00e4sthetischen wie theoretischen Feldern, wie etwa Tanz, Performance, Research, bildender Kunst, Musik, Dokumentation, Philosophie und Theorie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Dokumentation des Arbeits- und Probenprozesses zu The Bosch Experience II der Wiener Gruppe M. 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